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Aloah!
Es ist mal wieder Sonntag und es ist mir doch glatt gelungen, mich aus der Haengematte zu staemmen, um Euch ein paar warme Gruesse zu schicken)
So langsam tritt auch hier in Afrika der Alltag ein. Alles hat seinen Gang (wenn auch einen sehr langsamen) eingenommen. Was man hier definitiv lernt oder lernen muss (ich hab mich noch nicht wirklich damit abgefunden), ist geduldig zu werden und mit dem Defizit zu leben. Ich freue mich jetzt schon, wieder zu Hause zu sein und am reichen Luxus Deutschlands teil zu haben, aber hier sind die Dinge erst mal wie sie eben sind. Interessant ist ja, welche Kreativitaet man hier an den Tag legt, um aus nix was zu machen. Improvisation ist das Gebot der Stunde, da es erstens kein Geld gibt, um irgendwas zu kaufen und zweitens, selbst wenn es das Geld gaebe, so lange Wege zurueck zu legen sind, bis man mal was woher gekarrt hat, dass man das Zeug dann auch nciht mehr braucht! Im Kleinen beginnt das hiermit, dass die Kinder im Shelter den ganzen Tag Plastiktueten klein kauen, denn Kaugimmis gibts nicht. Schuhe werde in der Regel vorne aufgeschnitten, wenn sie zu klein sind, wahlweise laeuft man barfuss, die Hornhaut waechst mit...
Kind in Afrika zu sein bedeutet ohnehin etwas ganz anderes, als Kind in Europa zu sein. Kinder gibt es hier reichlich und die haben mitzulaufen. Da wird kein Gedoens um irgendwas gemacht. Es zaehlt allein das Ueberleben. Keine Spur von Entwicklungsplaenen, regelmaessigen Untersuchungen, Therapie, Foerderung... o.ae. Schnickschnack. Letztens blieb mir fast das Herz stehen, als die Hausmutter unseren kleinen Mandla auf dem Sofa abgesetzt hat (der ist ca. 9 Monate alt) und da sass er dann. Irgendwann kam mal die kleine Niheleti (ca.3 Jahre) und hat Mandla rumgeschleift. Aber ansonsten ist hier jedes Kind sich selbst ueberlassen. Es gibt so gut wie kein Spielzeug, was auch mit der Tatsache in Verbindung steht, dass sie keine Ahnung haben, was man mit dem Zeug anfangen soll und dann ist das alles auch innerhalb kuerzester Zeit komplett geschrottet. Wenn wir Studenten den Kids nichts anbieten, passiert auch nichts. Mit Kindern spielen ist eine europaeische Idee. Und viele freie Angebote, die ich mir fuer den Unterricht ausdenke, sind i.d.R. mit jeder menge Chaos verbunden. Hier gibt es ein ueberautoritaeres Schulsystem, Freiheit muss man lernen!! Dafuer sieht man hier aber auch schrecklich verwahrloste, verschreckte, traumatisierte Kinder. Tracy aus meiner Klasse wuerde ich als autistisch bezeichnen. Wenn ich das Arbeitsbaltt nicht in der Weise auf den Tisch lege, wie sie sich das vorstellt, ist die Stunde gelaufen. Und wenn sie mal was macht, dann ist sie ueberwiegend mit radieren beschaeftigt, weil die Buchstaben nicht so aussehen, wie sie es moechte... Aber wen interessiert's? Und ich habe noch Zwillinge in der Klasse, die im Shelter leben, da gilt die absolute Hackordnung. Die sind so fies, wenn Du da einen Moment nicht guckst, haben sie dem Nachbarkind eins ueber die Ruebe gezogen, weil sie deren leistift wollen. Und letztens kam nachts in einer Nacht- und Nebelaktion eine Mutter mit zwei kleinen Kindern, der Vater war lange schwer gewalttaetig und hatte schlussendlich versucht alle umzubringen. ...und ein Kind von der Strasse. Da sassen sie nun diese verschreckten Wuerstchen: aus den schlimmsten Erfahrungen und Bedrohungen heraus an einen Ort, der ihnen fremd ist, zu Menschen, deren Sprache sie nicht verstehen, mal abgesehen von den anderen Kindern und den Hausmuettern. Heute noch schaut mich der kleine sommersprossig suesse Silus tieftraurig, total verschreckt und hoch verunsichert an und kalmmert sich an mcih, als gaebe es kein Morgen. Aber sie sind nun in Sicherheit. Und das ist auch das einzige, was hier passiert. Schutz schaffen, aufnehmen, mit Essen versorgen. Und das alleine ist hier schon der Himmel auf Erden fuer viele!
Diese Erfahrungen gelten jedoch fuer die Schwarzen. Den reichen Schwarzen und den Weissen geht es schon ganz anders. Aber die sehe ich bisher nur beim einkaufen in der Stadt...
Was mir hier zunehmend bewusst wird, ist die grosse Einschraenkung, in der wir leben. Thorsten fragte so schoen, wer denn eigentlich im Ghetto lebt, wir Weissen hinter unseren Mauern, beschuetzt von einem Wachmann oder die Schwarzen in ihrem Township. Als Weisser oder Europaeer bist Du hier unendlich reich. Das Zeug ist alles so unglaublich billig fuer unsere Verhaeltnisse, dass ich mich extrem beherrschen muss, nicht mit doppelt so viel Gepaeck nach Hause zu reisen wie ich gekommen bin. Aber was bringt dieser Reichtum? Abends kannst du nicht raus hier, zumindest nicht ohne "Bodyguard" und auch am Tag bist du immer davon bedroht beklaut zu werden. Wie gefaehrlich das hier wirklich ist, kann man sich gar nicht wirklich ausmalen. Und ich will's auch gar nicht so genau wissen. Du musst hier einfach damit leben, dass du ein potentielles Opfer bist, wenn du ein bisschen Kohle hast. Fuehle dich nie sicher, denn Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Die Polizei ist korrupt bis zum Anschlag. Ich waere mir nicht mal sicher, ob sie helfen wuerden, wenn du direkt vor der Polizeiwache vergewaltigt werden wuerdest! (Und dann sitzen hier wieder Leute im Gefaengnis, das uebrigens bei uns ums Eck liegt, die wegen illegalem Fischen, um ihre Familie zu ernaehren, verhaftet wurden. Was ist das fuer eine Welt???) Reichtum ist eine nette Sache, du kannst hier der Koenig sein und das Leben geniessen. Aber viel wichtiger ist mir meine Freiheit und die hast du in einem solchen Land nicht. Da lobe ich mir echt Deutschland!! Als ich letztens total viel Geld von der Bank ums Eck abgehoben habe (2000 Rand!!!! gerade mal 200 Euro) bin ich hinterher echt paranoid und leicht panisch die 200 m nach Hause gespurtet. Ich war der festen Ueberzeugung, dass die mir an der Nasenspitze ansehen, was ich in der Tasche habe. Du zaehlst das Geld am Automaten moeglichst nicht ab, denn es kann dich jeder beobachten, dass du Geld abhebst und dann gilt einfach nur nix wie weg. Wer wuerde sich in Deutschland sorgen um 200 Euro in der Tasche machen!!?
In diesem Sinne das Wort zum Sonntag: geniesst die Freiheiten Deutschlands!
Liebste Gruesse in die Heimat und ich vermisse das langsam beginnende Weihnachtsfeeling! Hier gibts nur Kitsch pur und zusammenschraubbare Plastikweihnachtsbaeume, baeh! Kein Weihnachtsmarkt, kein Gluehwein(
Eure Steffi
12.11.06 14:18
 


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